Die gefühlte Inflation

Seitens der Notenbanken wird die aktuell lockere Geldpolitik mit der niedrigen Inflationsrate begründet. Die Verbraucher realisieren dennoch hohe Preisanstiege, wovon augenscheinlich die Ärmeren betroffen sind.

Die Aufgabe der Notenbanken besteht darin, für Preisstabilität zu sorgen, weshalb bereits in den 90-er Jahren eine jährliche Inflationsrate in Höhe von 2% beschlossen wurde. Da die Inflationsraten in den westlichen Industriestaaten zu diesem Zeitpunkt bei 5% oder höher lagen, wurde dieser Wert als sinnvoll erachtet. 

Seit Jahren liegt die Inflation jedoch bei unter 2% – ungeachtet der lockersten Geldpolitik aller Zeiten. Im August lag die Rate sogar bei nur 0%, wie durch das Statistische Bundesamt kürzlich veröffentlicht wurde. 

In den regelmäßig durchgeführten Verbraucherumfragen der EU-Kommission kristallisierte sich heraus, dass die Bürger die Preissteigerungen als deutlich höher empfinden – im Gegensatz zu den Darstellungen der EU-Statistikbehörde Eurostat. Zwar lag die eigentliche Inflationsrate 2019 bei lediglich einem Prozent, jedoch lag die gefühlte Inflation bei rund 6%. 

Die Diskussion um die gefühlte Inflation trat erst mit der Einführung des EURO richtig auf, da viele Verbraucher den Währungswechsel wie eine 100%-ige Preissteigerung empfunden haben. 

Alfons Weichenrieder, Professor für Finanzwissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt erklärt dies folgendermaßen: „Die Preissteigerungen in Europa gingen in den letzten Jahren zulasten ärmerer Menschen, aber die offizielle Inflationsrate drückt diesen Effekt nicht aus.“ Weichenrieder fand in seiner Studie, die sich auf den Zeitraum 2001 bis 2015 bezieht, heraus, dass notwendige Ausgaben wie Nahrung, Mietzahlungen und Energiekosten bei weniger finanzkräftigen Familien einen größeren Anteil am gesamten Budget ausmachen, als es bei reicheren Familien der Fall ist. Wenn sich die Preissteigerungen primär auf notwendige Produkte als auf Luxusgüter beziehen, hat dies eine höhere Belastung für Haushalte mit geringem Einkommen zur Folge. In Messungen ergab sich, dass die Warenkörbe finanzschwacher Haushalte (untere 10% der Bevölkerung) sich um 4,5% stärker verteuerten als die Warenkörbe besser gestellter Haushalte (obere 10% der Bevölkerung).

Gunther Schnabel, Professor für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig: „Ein Problem ist, dass der Kunde nicht mehr die Wahlmöglichkeit zwischen dem einfachen günstigen und dem besser ausgestatteten teuren Produkt hat“. Daher würde die Kaufkraft des Verbrauchers entscheidend abgeschwächt, da er das teure Produkt mit nicht benötigter Funktion kaufen müsse. Demzufolge entstünde eine Illusion niedriger Inflation, wobei sich dieser Effekt noch weiter verstärkt, da Qualitätsverschlechterungen in den offiziellen Inflationsmessungen keine Rolle spielen. 

Schnabel: „Die Menschen spüren zu Recht, dass vieles teurer wird, beispielsweise viele Lebensmittel. Zudem steigen die Löhne nicht mehr so stark wie früher oder sinken sogar…Die geringe Inflation spiegelt die Kaufkraft vieler Haushalte wider, die zu günstigen Produkten mit oft geringer Qualität tendieren.“ 

Besonders in Deutschland ist das Thema äußerst brisant, da die lockere Geldpolitik der EZB bereits seit einiger Zeit stark kritisiert wird. „Die von Ärmeren oft zu Recht als hoch empfundene Inflationsrate könnte das Vertrauen der Menschen in die EZB untergraben, da die Zentralbank nur eine durchschnittliche Inflationsrate in den Vordergrund stellt“, meint Finanzwissenschaftler Weichenrieder. 

Schnabel: „Die offiziell niedrige Inflationsrate spart dem Staat viel Geld, denn läge die Teuerung höher, müssten Löhne, Sozialhilfen und Renten entsprechend stärker steigen. Man bräuchte verschiedene Inflationsraten, um sich der Realität anzunähern und die Empfindungen der Menschen besser abzubilden.“

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Artikel: „Gefühlt teuer“. 01.09.2020

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