Vier Fragen an … Michael Kolb

Die Corona-Krise hat den Alltag der meisten Menschen auf den Kopf gestellt. So geht es auch Michael Kolb, Head of Broker Distribution & Partner Management DACH bei Euler Hermes. Was sich bei dem Kreditversicherer geändert hat, erzählt Kolb im GFL-Kurzinterview.

Euler Hermes hat zusammen mit der Bundesregierung und anderen Kreditversicherern einen Schutzschirm für die deutsche Wirtschaft vereinbart. Warum ist dieser Schutzschirm für die Versicherer aktuell so wichtig? Und warum hat es in anderen Krisen – wie etwa der Finanzkrise 2008 – keinen gebraucht?

Der Schutzschirm ist für die deutsche Wirtschaft und deutsche Unternehmen sehr wichtig. Euler Hermes möchte sie unterstützen. Durch diesen gemeinsamen Schutzschirm haben sie auch in Zeiten von Corona genügend Deckungszusagen und Spielraum womit Lieferketten sowie das Vertrauen in den Handel weitestgehend aufrechterhalten werden können.

Um dies zu ermöglichen, tragen die Kreditversicherer das Risiko solidarisch mit. Wir tragen einen erheblichen Eigenanteil an den Schäden und treten gleichzeitig zwei Drittel unserer Prämieneinahmen ab. Wir leisten so einen elementaren Beitrag zur Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie.

Die Corona-Pandemie ist nicht mit der Finanzkrise vergleichbar. Die Corona-Pandemie ist ein in diesem Ausmaß bisher noch nie dagewesener Stresstest für die Weltwirtschaft. Noch nie gab es zeitgleich in so vielen Ländern und in so vielen Branchen einen so heftigen Einbruch. Es sind fast alle Branchen von dieser Pandemie betroffen. Insofern ist es aktuell in den meisten Fällen nicht möglich, alternative Abnehmer oder alternative Absatzmärkte zu finden. Wenn die Risiken auf so breiter Front drastisch steigen, hat das Folgen – gerade auch im Bereich der Kreditversicherung.

Sprich: Ohne eine Garantie des Bundes hätten die Kreditversicherer die Limite von Unternehmen im Rahmen der sich jeweils auf Grund der Auswirkungen von Corona ändernden Bonität einschränken oder aufheben müssen. Genau das sehen wir jetzt in vielen anderen Ländern. Und genau das haben wir durch den gemeinsamen Schutzschirm für Deutschland weitestgehend vermieden. Wir stehen unseren Kunden weiter zur Seite.

Im Übrigen gab es auch in der Finanzkrise eine gemeinsame Lösung von Versicherungswirtschaft und Staat über sogenannte „Top Up Cover“. Mit dieser Lösung konnten reduzierte Limite ausgeglichen oder gestrichene Limite ersetzt werden.

Im Gegensatz dazu ist das Besondere an unserem jetzt umgesetzten Schutzschirm, dass der Kunde von der Rückgarantie des Bundes quasi nichts merkt. Dies erhöht die Schnelligkeit in der Umsetzung. Schnelligkeit war uns in Deutschland besonders wichtig, um die Lieferketten zu schützen und sofort das Vertrauen zwischen den Wirtschaftsakteuren zu sicher – denn Schnelligkeit war in der Finanzkrise teilweise ein Problem.

Welche sind aktuell die größten Nöte und Sorgen, die Sie von Ihren Kunden mitbekommen?

Das ist sehr unterschiedlich, je nachdem, ob die Unternehmen stärker von den inländischen Eindämmungsmaßnahmen betroffen sind oder von internationalen Märkten. Was alle verbindet sind Zukunftssorgen. Die Bundesregierung hat viele Sofortmaßnahmen ergriffen, die der Wirtschaft helfen. Ein großer Teil davon sind zum Beispiel Kredite – nur müssen die irgendwann auch zurückgezahlt werden. Je länger die Situation andauert, desto größer die Schuldenberge. Auch dafür müssen Lösungen gefunden werden in der Zukunft, wie man mit diesen Schulden umgeht, denn sonst verschiebt man damit das Problem nur in die Zukunft.

Unsere Kunden spiegeln uns natürlich ihre ganz akuten Sorgen, aber hinzu kommen weitere Herausforderungen, die über die Coronazeit hinausgehen. Da unterstützen wir unsere Kunden als Navigator der Wirtschaft mit Rat und Tat – auch das ist Teil unserer Rolle als Kreditversicherung.

Von Optimisten werden Krisen auch immer als Chancen gesehen. Können Sie auch die eine oder andere positive Seite der Pandemie sehen?

Diese Krise ist eine „Gesundheitskrise“, daher ist es schwierig sie als „Chance“ zu begreifen. Wirtschaftlich und gesellschaftlich sehe ich neben all den Schwierigkeiten aber auch positive Nebeneffekte. Bei vielen Aspekten würde ich mir wünschen, dass sie auch nach der Corona-Pandemie bleiben. Wir erleben gerade eine unglaubliche Solidarität in der Gesellschaft. Menschen nehmen mehr Rücksicht und haben mehr Verständnis, der Umgang miteinander ist zuletzt sehr viel „menschlicher“ geworden.

Diese Aspekte finde ich auch im Job, im Umgang mit Kollegen und Kunden und in der Wirtschaft wieder, was ein schönes Zeichen ist. Wir halten alle zusammen und ziehen an einem Strang – auch mit dem Schutzschirm, den wir zusammen mit dem Bund gespannt haben, um deutsche Unternehmen und ihre Mitarbeiter in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Damit legen wir den Grundstein für künftigen Erfolg und auch die Zusammenarbeit, die hoffentlich „menschlicher“ bleibt, auch nach Corona.

Wie hat die Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag verändert?

Mein persönlicher Arbeitsalltag wurde einmal komplett auf den Kopf gestellt. Noch vor zwei Monaten verbrachte ich viel Zeit auf Dienstreisen, vor allem im Auto – pro Woche bin ich immer über 1.000 Kilometer gefahren. Meine Arbeitstage im Büro waren mit persönlichen Meetings getaktet und auch Termine bei Kunden und Maklern vor Ort haben einen großen Part in meiner Woche eingenommen. Dieser persönliche Austausch fehlt mir sehr – die kurzen informellen Austäusche mindestens genauso sehr, wie die konstruktiven Termine. Die vielen Stunden auf der Autobahn fehlen mir hingegen nicht. Leider wich jedoch die anfängliche Hoffnung, dass ich diese gewonnene Zeit jetzt mit meiner Familie verbringen kann, schnell der Realität.

Mein heutiger Arbeitsalltag ist vor allem durch virtuelle Termine per Video- und Telefonkonferenzen geprägt. Denn Austausch ist in der jetzigen Zeit besonders wichtig und dieser nimmt auch weiterhin den Großteil meines Arbeitsalltags in Anspruch.

Zum Glück sind mein Team und ich flexibles Arbeiten bereits seit Jahren gewohnt. Insofern ging die Umstellung reibungslos und wir konnten das Tagesgeschäfts zu 100 Prozent ins Home Office verlagern. Es ist natürlich eine Herausforderung unser Geschäft in diesen Zeiten aufrecht zu erhalten und gleichzeitig mit meinen Kollegen so viele Mitarbeiter aus der Entfernung zu führen. Aber ich bin und war schon immer ein Mensch, der den „Krisenmodus“ im Arbeitsalltag mag – anhaltende Routinen im Tagesgeschäft sind nichts für mich. Jetzt ist jeder Tag ist anders und ich bin jeden Tag gespannt auf die neuen Aufgaben und Herausforderungen.

Ich freue mich jetzt schon sehr auf den persönlichen Austausch mit meinen Kollegen im Büro, auf die viele Zeit im Auto könnte ich aber gerne auch in Zukunft verzichten.

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